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Die Stadt als Plantage

Über Cosima von Bonins Werk 7000 Palmen.

  • Profile
  • Jul 31 2025
  • Octavia Abril
    ist eine chilenische Schriftsteller*in, die sensibel auf den Lauf der Jahreszeiten reagiert. Ihre Werke gedeihen, beeinträchtigt durch ihre immer wieder neuen Allergien, die sie aufgrund des Klimawandels und industriell verarbeiteter Lebensmittel erleidet, in den Grenzbereichen zwischen Institutionen und Weinbergen. Mit dieser körperlichen Verfassung beschloss sie, Welten und Worte in gefährlichen Küssen zu schaffen. Sie boykottiert Werbung Plakate, ist aber immer für gute Gespräche zu haben.

Mit 7000 Palmen bringt Cosima von Bonin ein scheinbar harmloses Bild in die Stadt: Die Palme, Symbol für Sehnsucht, Ferne, Sommer. Doch genau diese Imagination wird von der Künstlerin dekonstruiert. Die Silhouetten, als Wimpelketten über der ganzen Kasseler Innenstadt gespannt, wirken auf den ersten Blick wie Festschmuck, ein Beitrag zur kollektiven Freude im Stadtraum. Doch in ihrer massenhaften Aneinanderreihung verweisen sie nicht an die artenreichen Palmenwälder des Mittelmeerraums, sondern an die Monokultur der Plantage.

Für die Kasseler*innen ist der Titel eine klare Reminiszenz an die Arbeit Joseph Beuys’ 7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung (1982), schließlich sind sie unübersehbar von den 7000 Bäumen umgeben, denen als Kennzeichnung eine Basaltstele zur Seite gestellt wurde. Viel weniger monumental, ja flüchtig und flatternd richtet Bonin ihre Kritik dabei nicht nur an eine künstliche, beliebige und bürgerliche Stadtverwaltung, wie sie Beuys einst karikierte, sondern an tief verwurzelte koloniale Blickregime, die Natur romantisieren, Geographien exotisieren und Machtverhältnisse zementieren. 

Die Beuys’sche “soziale Plastik", die Vorstellung, dass jeder Mensch Künstler*in ist und an sozialer Transformation beteiligt sein kann, wird durch das im Wind flatternde Ornament in Frage gestellt - oder temporär und finanziell begrenzt. Die Palmen-Ketten wurden kostenfrei an Kasseler*innen verteilt und werden in Programmen mit Schulen und anderen Kooperationspartner*innen aufgegriffen und angebracht.

7000 Palmen steht exemplarisch für das kuratorische Programm von Moritz Wesseler am Fridericianum, der nicht auf Repräsentation zielt, sondern auf synästhetische Verschiebungen. Ausstellungen wie Martine Syms’ Dekonstruktion medialer Schwarzer Repräsentation, Lee Kits melancholische Displays aus Licht, Text und Konsumresten oder Mario García Torres’ Recherchen zu gescheiterten Utopien und kultureller Erinnerung zeigen eine klare Linie: ein Interesse an Strategien, die Zeitgeschichte mit Alltag verzahnen, übersehenes Wissen sichtbar machen und dem Banalen neue Tiefe verleihen. Ulla Wiggens Pupillen-Gemälde untersuchen das Innenleben von Körper und Museum, Adam Harrison spielt mit dem Rhythmus des öffentlichen Raums, Kerstin Brätsch mit der Zersetzung malerischer Tradition.

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In diesem Kontext ist von Bonins Arbeit eine zugespitzte Verdichtung: kein warmer Humor, sondern ein harter, oft zynischer Ton, der gerade durch seine Kälte erkenntniskritische Öffnungen erzeugt. Sie erzählt nicht von einem versöhnlichen Miteinander, sondern von einer Realität, in der migrantische Gruppen weiterhin tokenisiert, Lebensrealitäten exotisiert und Pflanzen zum Schmuck europäischer Sehnsüchte degradiert werden. 

Die Palme, einst ein europäisches Zeichen der Aneignung oder eine Subjektivierung des „Orients“, wird in postkolonialer Karikatur einer einer Omnipotenzfantasie – eine dekorative Geste, die über die Leerstellen der deutschen Gegenwart hinwegtrösten soll.

Die Hommage an Beuys und Buren steht dabei im Zentrum des Werks und zugleich quer zu ihm. Während Beuys’ 7000 Eichen den Stadtorganismus mit Langsamkeit und Wachstum herausforderte, reagiert von Bonin mit kapitulierender Beschleunigung: Ein Wegwerfprodukt  mobil, ephemer, Merchandise, das man* auch im Museumsshop kaufen kann. Anders als Beuys’ basaltbegleitete Setzungen hinterlassen die Palmen kaum langfristige Spuren, sondern wehen durch die Stadt, als wolle sie die Idee der Nachhaltigkeit selbst zur Disposition stellen. 

Auch der Bezug zu Daniel Buren – dessen gestreifte Ghirlandes 1982 zur documenta 7 den Friedrichsplatz bespielten – wird in 7000 Palmen unterlaufen: Während Buren geometrisch-streng über die Struktur der Fläche nachdachte, geht es bei von Bonin um symbolische Entgrenzung, um die Travestie des Motivs. 

Ihre Palmen-Girlanden tragen Festlichkeit in sich, eher als Echo aus Werbung, Clubkultur und kolonialer Imagination denn als soziale Erhabenheit. Die „Hommage“ ist eine doppelte Geste: respektvoll und entlarvend zugleich – ein Tribut an eine vergangene Idee von Kunst im öffentlichen Raum und eine sarkastische Bestandsaufnahme ihrer heutigen Komplizenschaft mit romantisierter Unterwerfung.

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  • Images:

    Cover: Cosima von Bonin: 7000 Palmen, 2025 (Installationsansicht / Installation view Fridericianum, Kassel)
    Foto / Photo: Nicolas Wefers, © Cosima von Bonin, documenta und Museum Fridericianum gGmbH

    Fig.1 Cosima von Bonin: 7000 Palmen, 2025. (Installationsansicht / Installation view Fridericianum, Kassel)
    Foto / Photo: Nicolas Wefers © Cosima von Bonin, documenta und Museum Fridericianum gGmbH

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